Reis-Erntezeit

Reis-Ernten ist Frauenarbeit, die Männer helfen beim Tragen und Dreschen. Hinter unserem Haus in Kuningan liegen Reisfelder, und zum zweiten Mal im Jahr ist Erntezeit. Jeder Halm wird einzeln mit einem Bambus-Werkzeug abgeschnitten, in das ein kleiner Metall-Splitter von etwa 5x5 mm als Schneidefläche versenkt ist. Meist verdeckt der Daumen das Messerchen, und wird nur kurz beiseite geschoben, wenn die Ähre abgeschnitten wird. Die Frauen "stehlen" den Reis und spielen nach jeder Ähre Unschuld. Im muslimischen Sunda-Gebiet glaubt man, dass der Reis der altjavanisch-hinduistischen Göttin Devi-Sri gehört. Sie kann den Reisdiebstahl nur sehen, wenn jemand dabei Metall benutzt, und so verwendet man nur Bambus mit einem kleinen Metallsplitter, der leicht zu verstecken ist. Und wenn die Reisgöttin sauer ist, dann schickt sie ihren Bruder los, die Pythonschlange.

Diese Geschichte wurde mir im Reisfeld erzählt, ich habe nie feststellen können, ob sie Lokalmythos, Reisbauernlatein oder Allgemeingut im Sunda war. Ich muss wohl lieb zur Devi Sri gewesen sein, denn eine Python habe ich nie gesehen; sie wäre mir allerdings lieber gewesen als die vielen kleine Brillenschlangen, die über die Reisfelder in unseren Garten schlängelten. Ich habe zu Hause nie verraten, wie viele Brillenschlangen sich bei Spaziergängen im Reisfeld vor mir zischend aufgerichtet haben, und auch meinen Bruder Klaus, der 6 Jahre alt wahr, erfolgreich zu Stillschweigen verdonnert. Nach javanischer Vorstellung können auch Schlangen nur Metall sehen, und deshalb dürfen auch die größten Brillenschlangen nur mit einem Bambusstock erschlagen werden.